Interview mit Andreas Göltzer, Auditor von DQS

Andreas Göltzer, Auditor DQS

Im folgenden Interview beantwortet unser Auditor Andreas Göltzer Fragen zum Thema Vorgehen bei der IRIS Zertifizierung, Nutzen für unsere Kunden und für das Unternehmen. 

Andreas Göltzer arbeitet seit über 15 Jahren im Gebiet des Qualitätsmanagements nach verschiedenen Standards. Er bekleidete dabei verschiedene Rollen wie Qualitätsmanager (QM), interner Auditor und seit Jahren als Auditor für DQS GmbH, speziell auch für IRIS-Zertifizierungen. 

IRIS als Qualitätsstandard für die Eisenbahnindustrie

Frage:  Die UNIFE (Association of the European Rail Industry), als Gründerin und Trägerin des globalen Programmes „IRIS“ (International Railway Industry Standard), hat sich zum Ziel gesetzt, den hohen Anforderungen in der Schienenindustrie mit einem einheitlichen Qualitätsstandard für die Zulieferer gerecht zu werden. Die DQS als unabhängige, für IRIS autorisierte Zertifizierungsgesellschaft, ist seit den Anfängen von IRIS mit dabei. Wie bewerten Sie aus dieser Perspektive die Qualitäts-Entwicklung der Bahn-Zulieferer seit Einführung von IRIS? 

Antwort: Aus meiner Sicht als Auditor muss ich feststellen, dass die Prozesssicherheit der Unternehmensabläufe stark davon abhängig ist, welchen Zertifizierungsstandard das Unternehmen implementiert hat. Eine Zertifizierung nach IRIS trägt sehr dazu bei, die Prozesssicherheit in einem Unternehmen zu erhöhen. Dies wird sich auf lange Sicht auch positiv auf die Qualität der zu liefernden Produkte auswirken.

Da jedoch der Standard sehr jung ist (aktuell sind weltweit etwas mehr als 600 Unternehmen zertifiziert, wenngleich mit deutlich steigender Tendenz) und viele Unternehmen große Anstrengungen zur Implementierung der zusätzlichen Anforderungen investieren mussten, benötigen die Unternehmen noch etwas Zeit, um über den kontinuierlichen Verbesserungsprozess die Ergebnisse der Prozessverbesserungen in verbesserte Produktqualität umzusetzen. Nach meiner Überzeugung wird dies für die Zukunft zu einer Win-Win-Situation in der Lieferkette führen, die ich als Bahnfahrer dann auch spüren werde.

IRIS Zusatzanforderungen gegenüber ISO 9001

Frage: Voraussetzung für eine IRIS Zertifizierung ist der Betrieb  eines auf ISO 9001:2008 basierenden Management Systems. Neratec hat zeitgleich mit IRIS auch das ISO 9001:2008 Zertifikat erneuert. Welche zusätzlichen Anforderungen stellt IRIS an ein Unternehmen?

Antwort: Zuerst muss sich das Management eines Unternehmens sehr viel stärker in Prozesse und Abläufe einbinden. Nur auf dieser Basis lassen sich die Zusatzanforderungen zu Projektmanagement, Entwicklung oder Angebots- und Vertragsprüfung meistern. Und nur wenn Commitment und aktive Mitarbeit der, wie es in der Normensprache heisst, „Obersten Leitung“ gegeben ist, lassen sich alle anderen Zusatzanforderungen mit dem entsprechenden Engagement implementieren.

Was bedeutet Zertifizierungsreife ?

Frage: Bevor Neratec für die IRIS Audits zugelassen werden konnte, musste anhand einer System-Analyse die Zertifizierungsreife sichergestellt werden. Bei dieser ersten Bewertung des Qualitätsmanagement-Systems geht es darum sicherzustellen, dass gewisse Grundvoraussetzungen erfüllt sind. Mithilfe der sogenannten „Knock-out Questions“ wird die Zertifizierungsreife des Unternehmens überprüft. Aus Sicht der Unternehmung ist dies eine erste Hürde, die überwunden werden muss. Wozu dient diese Prüfung und wie hat sie Neratec gemeistert?

Antwort: Anhand eines fest vorgegebenen Schemas wird verifiziert, ob die „Knock-out-Questions“ sowie die geforderten Prozesse und Verfahren im Managementsystem vollumfänglich implementiert sind. Dies ist der aufwändigste Teil und beansprucht von daher auch die meiste Zeit. Wir als Auditoren der DQS betrachten darüber hinaus noch die Ergebnisse der internen Audits und des Management Reviews sowie den Geschäftsplan des Unternehmens. Damit erhalten wir einen zusammenfassenden Überblick, wie sich das Unternehmen dem Thema IRIS angenähert hat. Im Falle der Neratec Solutions AG zeigt sich dabei auch deutlich, wie stark sich die Oberste Leitung eingebracht hat.

Auch deshalb hat Neratec die Hürde der System-Analyse souverän gemeistert, was sich im nachfolgenden Audit bestätigt hat. Dabei konnte die Unternehmensführung deutlich machen, dass ihr Einsatz und ihr „Vorleben“ von Verbesserungen die solide Basis im Unternehmen bildet.

Was ist der Nutzen des IRIS Audit-Tools ?

Frage: Die IRIS Zertifizierung erfolgt nach einem striktem Ablauf. Ein zentrales Werkzeug bei der System-Analyse und den nachfolgenden Audits ist dabei das von der UNIFE entwickelte IRIS Audit Tool. Dieses beinhaltet den detaillierten IRIS Fragenkatalog und ermöglicht die Auswertung der Kennzahlen nach erfolgten Audits. Anhand dieser Scoring Levels wird das Qualitätssystem des Unternehmens schliesslich bewertet. Was ist der Nutzen des Audit Tools und inwiefern können aus den Kennzahlen Rückschlüsse auf das QM System des Unternehmens gezogen werden? 

Antwort: Auf der einen Seite sind wir Zertifizierungsauditoren verpflichtet, alle Ergebnisse des Audits im IRIS Audit Tool zu dokumentieren. Damit wird sichergestellt, dass alle Anforderungen des Regelwerkes im Audit betrachtet und auch angemessen bewertet wurden.

Auf der anderen Seite macht es die Audits aber auch transparenter und die Bewertungen nachvollziehbarer. Dies wird dadurch gewährleistet, dass zu jeder Frage diverse Anforderungen erfüllt sein müssen. Und wenn auch nur eine dieser Anforderungen nicht erfüllt ist, fällt das Scoring eine Stufe niedriger aus.

Aber gerade da sehe ich den Vorteil des Audit Tools – auch wenn der Einsatz für die Unternehmen selbst nicht verpflichtend ist. So erhalten Sie Änderungen und Aktualisierungen des darin enthaltenen Fragenkataloges automatisch und kostenfrei. Da nur diese Inhalte Zertifizierungsrelevant sind, gewinnen Sie damit, bezogen auf Ihr Zertifikat, eine gewisse „Rechtssicherheit“ für die Zukunft. Und genau an diesem Punkt hat Neratec aus meiner Sicht mit dem Kauf und Einsatz des Audits Tools die richtige Entscheidung getroffen.

Einen weiteren großen Vorteil für Unternehmen sehe ich jedoch in der kontinuierlichen Verbesserung. In besagtem Fragenkatalog sind neben den Muss-Forderungen auch noch etliche Sollte-Anforderungen enthalten. Dabei wurden auch einige Inhalte der neuen ISO 9004:2010 mit implementiert. Damit haben Sie als Unternehmen ein richtig gutes Werkzeug an der Hand, um Ihr Managementsystem gezielt an Ihnen wichtigen Punkten zu verbessern. Und wenn Sie diese Verbesserungen in den regelmäßigen Audits der DQS transparent darstellen können, wird sich auch das Scoring erhöhen.

Damit lassen sich aus den Kennzahlen auch Rückschlüsse über die Reife des Managementsystems ziehen.

 

IRIS Portal & IRIS Datenbank

Frage: Die Auswertungen aus dem Audit Tool gelangen in die globale UNIFE / IRIS Datenbank. Die bei IRIS registrierten Unternehmen haben die Möglichkeit, diese Kennzahlen in der Datenbank freizuschalten, um anderen IRIS Unternehmen, und damit auch potentiellen Kunden, Einblick in den aktuellen Stand des betrieblichen QM-Systems zu ermöglichen. Wie stark wird von dieser Möglichkeit heute schon Gebrauch gemacht und wie gut lassen sich die Auswertungen überhaupt miteinander vergleichen?

Antwort: Lassen Sie mich zunächst die eigentliche Intention des Portals erläutern. Analog der etablierten Systematik im Bereich Luftfahrt mit den Anforderungen einer EN9100 hat die UNIFE ein eigenes Portal für den Bahnbereich geschaffen. Die Zielrichtung seitens der UNIFE ist, dass Systemhersteller wie Siemens, Bombardier, Alstom oder AnsaldoBreda bei neuen Projekten ihre Zulieferer über das Portal auswählen. Dazu sind potentielle Lieferanten mit vorhandenem und/oder beantragtem IRIS-Zertifikat mit allen dazugehörigen Informationen im Portal gelistet. Für die Kunden einsehbar sind jedoch nur der Name des Unternehmens, der Revisionsstand des IRIS Zertifikates, der letzte und der nächste geplante Audittermin sowie die Einordnung in die Produktkategorien. Alle weiteren Informationen sind gesperrt. Möchte ein Kunde mit einem anderen Lieferanten zusammen arbeiten, kann dieser über das Portal Kontakt aufnehmen und Einsicht in weitere Informationen beantragen. Da dieses System derzeit mit etwas mehr als 540 IRIS-zertifizierten Unternehmen erst am Anfang steht, ist diese Vorgehensweise am Markt noch nicht sehr verbreitet. Aber auch das wird sich meiner Ansicht nach auf lange Sicht ändern.

Nutzen für Bahn- und andere Industrien

Frage: Im Zusammenhang mit IRIS werden vor allem Unternehmen und Zulieferer der Schienenindustrie genannt. Neratec gehört als Zulieferer von industriellen WLAN Produkten für den Schienenverkehr in diese Sparte, hat aber als Entwicklungs-Dienstleister für das industrielle Umfeld ein weiteres Standbein. Sie zertifizieren als Auditor von DQS auch Unternehmen im industriellen Bereich und kennen daher die Unterschiede und „Spezialitäten“ der beiden Teilgebiete sehr gut. Wie bewerten Sie aus diesen Perspektiven eine auf IRIS fokussierte Umsetzung der QM Prozesse?  Was ist der Stellenwert und Nutzen des IRIS-Zertifikats für andere industrielle Kunden ?

Antwort: Für spezialisierte Bahnunternehmen sind Themen wie Projektmanagement, RAMS[1], LCC[2] oder etwa FAI[3] alltägliches Handwerkszeug. Jedoch ist nicht zu verkennen, dass auch die Bahnspezialisten mit den IRIS-Anforderungen zu kämpfen haben. Wurden in der Vergangenheit basierend auf den Anforderungen einer ISO 9001 Kundenanforderungen projektspezifisch umgesetzt, müssen nun allgemeingültige Bahnanforderungen über alle Projekte hinweg implementiert werden.

Daneben stehen andere Industriefirmen, welche auch noch den Bahnbereich beliefern, vor zusätzlichen Hürden. Diese müssen sich oftmals in die „Bahnsprache“ erst einmal hineindenken, um die Anforderungen zu verstehen. Die Themen RAMS und LCC stehen dabei an vorderster Front.

Was den Nutzen des IRIS-Zertifikates an sich in anderen industriellen Zweigen betrifft, ist dieser aus meiner Sicht derzeit von untergeordneter Wertigkeit. Jedoch profitiert ein Unternehmen aus einem anderen Industriezweig, wenn es sich mit den IRIS-Anforderungen beschäftigt und nützliche Bestandteile in seinem Managementsystem implementiert. Dies ist dann vergleichbar mit der der Implementierung von Anforderungen der ISO 9004 im Sinne der kontinuierlichen Verbesserung.


[1] RAMS: Acronym for Reliability, Availability, Maintainability, Safety [IEC 62278 (EN 50126)]

[2] LCC: Life Cycle Costs [IEC 62278 (EN 50126)]

[3] FAI: First Article Inspection in Production